3.2. Verlust und Gewinn

In Qigong-Kreisen ebenso wie in religiösen Kreisen wird von Verzicht und Gewinn gesprochen. Manche meinen, dass Verzicht bedeute, Geld zu spenden, etwas Gutes zu tun oder jemandem zu helfen, der sich in Schwierigkeiten befindet; und dass Gewinn bedeute, das Gong zu bekommen. Die Mönche im Tempel sagen auch, dass man Geld spenden solle. Das als Verzicht zu verstehen, ist sehr unzureichend. Der Verzicht, den wir meinen, ist in einem viel weiteren Sinne zu verstehen und ist etwas sehr Großes. Auf was man unseren Anforderungen nach verzichten sollte, sind die Laster der gewöhnlichen Menschen und das strebende Herz, das an irgend etwas festhält und es nicht loslässt. Du sollst in der Lage sein, das, was du für wichtig hältst, aufzugeben, und das, was deiner Meinung nach nicht aufgegeben werden kann, aufzugeben. Das ist wahrer Verzicht. Etwas Gutes für andere zu tun und etwas Barmherzigkeit zu zeigen, ist nur ein Teil des Verzichtes.

Alltägliche Menschen wollen ein wenig berühmt werden, ein bisschen Vorteile bekommen, ein etwas besseres und bequemeres Leben führen und mehr Geld haben. Das sind Ziele weltlicher Menschen. Wir Praktizierende sind aber anders. Was wir bekommen, ist die Gong-Energie und nicht diese Dinge. Wir sollen auf die persönlichen Interessen verzichten und sie ein bisschen leichter nehmen. Aber es ist auch wiederum nicht so, dass du wirklich etwas verlieren musst. Wir kultivieren uns in der Gesellschaft der gewöhnlichen Menschen und müssen uns wie normale Menschen verhalten. Das Entscheidende liegt darin, dass du jenen Eigensinn loslassen sollst; du musst nicht wirklich etwas verlieren. Was deins ist, geht nicht verloren; was nicht deins ist, kannst du auch nicht herbeischaffen. Auch wenn du es herbeigeschafft hast, musst du es zurückgeben. Wenn man etwas gewinnt, muss man etwas verlieren. Natürlich ist es unmöglich, alles auf einmal sehr gut zu machen, man kann auch nicht über Nacht ein Erleuchteter werden. Aber sich Stück für Stück zu kultivieren und sich Schritt für Schritt zu erhöhen, das ist zu verwirklichen. Wie viel du aufgeben kannst, so viel bekommst du. Die persönlichen Interessen sollst du immer leicht nehmen. Lieber etwas weniger bekommen, dafür aber die Ruhe bewahren. Vom Materiellen her ziehst du vielleicht den Kürzeren, aber von der Tugend her gesehen gewinnst du mehr und von der Gong-Energie gewinnst du auch mehr. So ist der Grundsatz. Allerdings sollst du sie nicht mit Absicht gegen Ruhm, Geld oder andere persönliche Vorteile austauschen wollen. Man soll versuchen, es mit Hilfe des Erleuchtungsvermögens tiefer zu verstehen.

Einmal sagte ein Taoist, der einem großen taoistischen Weg folgte: „Was die anderen haben wollen, will ich nicht haben. Und was die anderen haben, habe ich nicht. Aber was ich habe, haben die anderen nicht. Ich will das haben, was die anderen nicht haben wollen.“ Es ist für einen gewöhnlichen Menschen sehr schwierig, zufrieden zu sein. Er will alles haben, nur die Steine die auf dem Boden liegen will er nicht. Dieser Taoist sagte darauf aber: „Dann hebe ich eben diese Steine auf.“ Ein Sprichwort sagt: „Seltenes ist kostbar.“ Hier bei uns sind die Steine, die auf dem Boden liegen, zwar wertlos, aber im Himmel oder in anderen Dimensionenn sind sie vielleicht am wertvollsten. Hier wird ein philosophischer Grundsatz ausgesprochen, den ein gewöhnlicher Mensch nicht versteht. Viele große Erleuchtete mit viel Tugend, haben keinerlei materielle Besitztümer; für sie gibt es nichts, worauf sie nicht verzichten können.

Der Weg der Kultivierung ist eigentlich der korrekteste Weg und die Praktizierenden sind eigentlich am klügsten. Die Dinge, nach denen die alltäglichen Menschen streben und das bisschen Vorteile, die sie haben wollen, sind nicht von Dauer. Auch wenn sie sie erstrebt oder erkämpft haben oder ein bisschen Vorteile bekommen haben, was nützt das? Unter den Menschen in der Gesellschaft gibt es einen Spruch: „Bei der Geburt lässt sich nichts mitbringen, beim Sterben nichts mitnehmen“. Man kommt mit nichts, man geht mit nichts dahin; selbst die Knochen werden eingeäschert. Ganz gleich, ob du ein Millionär oder ein hoher und prominenter Beamter bist, du kannst nichts mitnehmen. Das Gong aber kannst du mitnehmen, denn es wächst eben bei deinem Hauptbewusstsein an. Ich sage dir, es ist nicht leicht, das Gong zu bekommen. Es ist besonders wertvoll und sehr schwer zu bekommen. Auch gegen tausend Goldstücke lässt es sich nicht eintauschen. Wenn du viel Gong hast und eines Tages nicht mehr praktizieren willst, solange du nichts Schlechtes tust, kann sich dein Gong in all das Materielle umwandeln, das du haben willst; all das kannst du haben. Aber du wirst außer diesen Dingen, die du auf dieser Welt bekommst, nichts mehr von dem haben, was ein Kultivierender bekommen kann.

Aus irgendeinem persönlichen Interesse heraus haben manche Menschen das, was ihnen eigentlich nicht gehört, auf krummen Wegen erhalten. Sie glauben, sie hätten Vorteile bekommen. In Wirklichkeit haben sie die Vorteile, die sie bekommen haben, gegen ihre De eingetauscht; nur wissen sie das nicht. Dadurch wird bei einem Praktizierenden das Gong verringert; bei einem Nichtpraktizierenden wird die Lebensdauer verkürzt, oder etwas anderes wird reduziert. Jedenfalls ist es ein Gesetz des Kosmos, dass die Rechnung beglichen werden muss. Es gibt auch manche, die andere immer schikanieren oder mit bösen Worten kränken und so weiter. Während sie das tun, geben diese Menschen den anderen einen entsprechenden Teil ihrer Tugend. Für die Beleidigung, die sie den anderen zugefügt haben, verlieren sie an diese anderen ein Stück ihrer Tugend.

Manche Menschen meinen, dass ein guter Mensch oft den Kürzeren zieht. In den Augen der alltäglichen Menschen hat er den Kürzeren gezogen, aber dafür bekommen gute Menschen das, was andere nicht bekommen können, nämlich „Tugend“ (De) - eine Art weiße Substanz, die äußerst wertvoll ist. Ohne De gibt es kein Gong, das ist eine absolute Wahrheit. Viele Menschen praktizieren Qigong, aber warum wächst ihr Gong nicht? Eben weil sie nicht ihre De kultivieren. Viele reden von der De, alle fordern De, haben den wahren Grundsatz aber nicht erklärt, nämlich wie sich De in Gong umwandelt. Man muss es selbst erkennen. Das Dazang-Sutra besteht aus über zehntausend Bänden, zu seinen Lebzeiten hat Shakyamuni das Fa mehr als vierzig Jahre lang erklärt. Bei all dem geht es darum, tugendhaft zu sein; in allen alten chinesischen Büchern über die Kultivierung des Tao wird von der De geredet. Laotse hat mit fünftausend Schriftzeichen, das "Tao Te King" geschrieben, darin geht es auch um die De. Aber manche begreifen es einfach nicht.

Sprechen wir nun über Verzicht. Du musst auf etwas verzichten um etwas zu bekommen. Wenn du dich wirklich kultivieren willst, wirst du einigen Schwierigkeiten begegnen. Im Alltag zeigen sie sich in zwei Formen. Die eine ist, du wirst ein wenig körperliche Leiden ertragen, du wirst dich hier und da unwohl fühlen, aber das sind keine Krankheiten. Die andere Form ist, dass es in der Gesellschaft, in der Familie oder am Arbeitsplatz geschehen kann, dass plötzlich wegen persönlicher Interessen oder wegen emotionaler Bindungen Konflikte oder Reibereien auftauchen. Sie dienen der Erhöhung deiner Xinxing . Normalerweise tauchen diese Dinge ganz plötzlich auf und scheinen sehr heftig zu sein. Wenn du auf ein Problem stößt, das dich in Verlegenheit bringt und dich dein Gesicht verlieren lässt, wie wirst du dich dann verhalten? Wenn du ganz gelassen bleiben kannst, wenn du dies erreichen kannst, dann hast du deine Xinxing durch diese Schwierigkeit erhöht, und dein Gong ist auch dementsprechend gewachsen. Wenn du ein wenig erreichst, bekommst du auch ein wenig. So viel du hergibst, so viel bekommst du. Wenn man in Schwierigkeiten gerät, kann man es nicht immer erkennen. Aber wir müssen versuchen, es zu erkennen, wir dürfen uns nicht wie alltägliche Menschen verhalten. Bei Konflikten sollen wir eine großzügige Haltung einnehmen. Wir kultivieren uns unter alltäglichen Menschen und sollen unsere Xinxing auch unter alltäglichen Menschen stählen. Wir werden ein paar Mal straucheln, daraus können wir Lehren ziehen. Es ist unmöglich, dass man auf keinerlei Schwierigkeiten stößt und das Gong auf angenehme Weise wachsen lässt.